Knapp verpasst & Barock:
Mit dem Sieg von gestern im Rücken stellte sich Torsten in der 6. Runde einer erneuten Herausforderung, einem Spieler aus München mit einer ELO von 2.050. Um die anvisierten 5 Punkte am Ende zu erreichen, müsste auch heute etwas Zählbares – vielleicht ein Remis – herauskommen. Bis Brett 20 werden die Partien live übertragen, Torsten spielt allerdings an Brett 21. Knapp verpasst und ich musste also auf den Anruf warten.
Das Internationale Congresscenter liegt direkt an der Elbe und das dieser Fluss auch immer mal über seine Ufer tritt – mal dezent, mal heftig – zeigt ein Stein vor dem Center an. Die Flut von 2002, die Jahrhundertflut, traf Dresden besonders hart. Damals war es nicht nur die Elbe sondern auch die Weisseritz, die für Chaos und Zerstörung sorgte. Die Stadt hatte mit dem Bau von Bahnstrecken das Flussbett baulich verändert und die Weisseritz hat sich im August 2002 einfach mal in ihr ursprüngliches Bett zurückbegeben. Dabei floss sie u.a. auch durch den Dresdner Hauptbahnhof. Torstens Trainerin lebte damals in Dresden und erzählte uns von Menschen, die mit Gummibooten durch den Hauptbahnhof paddelten. Klingt zwar fast lustig („Vorsicht beim Ablegen des Zuges“), war es aber für die von der Flut Betroffenen nicht.
In meiner Erinnerung an diese Flut steht ein gewisser Gerhard Schröder grimmig guckend und in Gummistiefeln in Geesthacht an der Elbe (und blieb Kanzler, damals gegen Edmund Stoiber).
Für mich stand heute Shopping-Pirsch 2.0 auf dem Programm und ich verließ die FeWo in der Hoffnung, daß Torsten nicht wieder eine Marathon-Partie spielt.
Als Mensch mit dem Nachnamen „Taschner“ habe ich wohl genetisch einen Faible für Handtaschen und auf Haupteinkaufsstrasse entdeckte ich schon von weitem das Schild „Taschenkaufhaus“. Naja, es hatte dort viele Taschen, aber nix nach meinem Geschmack.
Gegen 14h45 und nach erfolgreicher Pirsch mit 8.341 Schritten ließ ich mich ermattet auf der Terrasse des Sophienkellers nieder, für ein Stück Zupfkuchen und einen Kaffee.
Kaum hatte ich Kaffee & Kuchen bestellt, meldete Torsten per Telefon ein Remis. Geht doch! Er meinte, am Ende der Partie besser gestanden zu haben und „befürchtet“, seine Trainerin wird das Anbieten eines Remis wohl kritisieren. Aber egal, mit 3 Punkten aus 6 Partien kann es mit den 5 Punkten am Ende des Turniers noch klappen.
Nach realem Geldausgeben und der Realität auf dem Schachbrett begaben wir uns am Nachmittag virtuell in die pompöse Barockzeit von Dresden. Mittels VR-Brillen nahmen wir als Gäste an der Sächsischen Jahrhunderthochzeit des Barocks im Jahr 1719 teil. Virtuell nahmen 3.000 Adlige an dieser Riesensause teil. Die kirchliche Trauung von Kurprinz Friedrich August II mit der Habsburger Kaisertochter Maria Josepha fand zwar im Stephansdom in Wien statt, die anschliessenden Feierlichkeiten, 40 Tage lang (!!!), hier in Dresden. In der VR-Tour fuhren wir in einer Kutsche in Dresden ein und schlussendlich in den Zwinger zu einer Party zu Ehren des Planeten Merkur. Alles organisiert als pure Machtdemonstration von August dem Starken.
Eine super gemachte Tour, man sah Seiltänzer, Jongleure und viele andere Darbietungen und am Ende noch ein Feuerwerk. Allerdings fiel Torsten auf, daß alle Frauen auf dem Fest die selben Schuhe anhatten. Im Vergleich zu der rasanten VR-Tauchfahrt zum Wrack der Titanic gestern ging es hier ruhiger zu.
Als Kontrast zu den spanischen Tapas gestern Abend, war unser Abendessen heute eher deutsch, in einem Brauhaus. Torsten kostete sich durch ein Tasting Board mit fünf Biersorten der Lohrmanns Brauerei, wobei jedes Glas mit einer Beschreibung versehen war (siehe angehängte Collage). Die Texte der Geschmacksbeschreibungen hatten es sprachlich in sich; mein Favorit waren die Worte zu dem Pils („Mit weichem Abgang auf einem zartdünnen Teppich tropischer Früchte“).
Als ich dann abends auf die Auslosung der morgigen Runde guckte, stellten wir fest: es gibt noch einen weiteren Vertreter aus Schleswig-Holstein: ein Spieler aus Kiel (ELO 2.088) und Torsten wird ihm morgen an Brett 17 gegenüber sitzen – also an einem Brett mit Live-Übertragung.

